10. Dezember 2022

Lebenskompetenz mit LARS und LISA

Schulsozialarbeit startet Pilotversuch am Schulzentrum Stetten in LG 6.1

Wie reagiert man richtig darauf, zu Unrecht beschuldigt zu werden?

Lisa hat für ihre Prüfung viel gepaukt, aber ihre Lehrerin findet unter Lisas Bank einen Spickzettel, den sie gar nicht selbst geschrieben hat…was nun? Prüfung verhauen?

War die ganze Mühe umsonst?

LISA ist keine reale Person, sondern eine Figur aus dem Programm Auf dem Weg zu Lebenskompetenz und Selbstregulation mit LARS & LISA. Initiator des Pilotversuches, das Lebenskompetenzprogramm am Schulzentrum Stetten durchzuführen, ist Tobias Buck von der Schulsozialarbeit des regionalen Trägers für soziale Dienste Mariaberg. Er hat das Programm in zwei Module gegliedert und zusammen mit der Lerngruppe 6.1 des Schulzentrums Stetten a.k.M. und Lerngruppenbegleiterin Annemarie Ziegler ausprobiert. Das erste Modul fand in den letzten drei Wochen begleitend zur Unterrichtszeit statt und traf auf zunehmend interessierte Lernpartner.

Die beiden Akronyme LARS und LISA stehen im Programm für „Lust An Realistischer Sichtweise“ und „Leichtigkeit Im Sozialen Alltag“ und fassen zusammen, worum es in dem Trainingsprogramm geht: Emotionsregulation, Motivation, Volition. Wie bitte?  

Anhand von beispielhaften Situationen aus dem Schulalltag und einfachen Teambuilding-Übungen sollen Jugendliche dazu gebracht werden, ihre Widerstandsfähigkeit, genannt Resilienz, und die Kontrolle über ihre Gefühle zu steigern, um ihnen eine gelingende Lebensführung zu ermöglichen. Also im Klartext: sich beherrschen lernen, sich für etwas engagieren und etwas tun wollen.

Das Trainingsmaterial besteht aus verschiedenen Videospielszenen, in denen die Akronyme LARS und LISA als Schauspielfiguren auftreten, um den Schülern eine bessere Identifikation mit dem Gelernten zu ermöglichen. Unterstützende Arbeitsblätter zur Selbstreflektion sind für die Einzelarbeit gedacht und handlungsorientierte Teamspiele geben jedem Schüler die Gelegenheit, seine Sozialkompetenz zu erproben.

Lebenslust mit LARS und LISA für Jugendliche der Sekundarstufe I wurde ursprünglich von einem Ärzte- und Psychologenteam der Universität Tübingen entworfen und gilt in angepasster Form als Teil Sozialerziehung an Schulen in Baden-Württemberg. Ziel ist es, zu einer langfristigen Verbesserung der psychischen Gesundheit Jugendlicher beizutragen. Es entspricht der Leitperspektive „Prävention und Gesundheitsförderung“ des Bildungsplanes 2016, deren Lern- und Handlungsfelder auf das Lebenskompetenz-Konzept der WHO Bezug nehmen.

„Jugendliche sind heute stärker als frühere Generationen mit Entwicklungsaufgaben befasst“, erklärt Tobias Buck auf die Frage, warum er LARS und LISA gestartet hat.

„Eine Welt mit einer unübersehbaren Fülle an Möglichkeiten, aber auch Gefährdungen verlangt von Schülern selbstsicheres kompetentes Handeln und führt nicht selten zur Überforderung der jungen Menschen. Anstatt angesichts der Qual der Wahl oder dem Gefühl von der Beliebigkeit in der Lebensgestaltung zu resignieren, müssen junge Menschen lernen, ihre Ziele mit den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten in Einklang zu bringen.“

Auf fachlicher Ebene haben die Lernpartner am Schulzentrum bereits im Coaching die Möglichkeit, mit dem Coach die für ihre Lernziele passenden Methoden zu diskutieren. Nun sollen sie durch LARS und LISA befähigt werden, ihre Ressourcen in weit größerem Umfang zu mobilisieren, vor allem auch auf sozialer Ebene.

Das ist etwas, was LISA’s Pendant LARS am eigenen Leib erfährt, als er mit dem Misserfolg nach einem verpatzten Basketballturnier klarkommen muss. Eine solche Situation hat schon jeder Schüler einmal erlebt, und es ist sehr leicht, nach einer Niederlage deprimiert das Handtuch zu werfen.
Hier vermittelt eine spezielle Übung den Schülern eine differenzierte Sichtweise auf das persönliche Scheitern: Anhand von typischen Sätzen, die „Runterzieher“ und „Aufbauer“ genannt werden, wird gezeigt, wie durch die konstruktive Beurteilung der Gesamtsituation eine realistische statt dramatische Einschätzung des Erlebnisses vorgenommen wird. Kurz gefasst: „Ich kann einfach kein Basketball“ bringt LARS weniger weiter als „Ich war heute nicht richtig bei der Sache.“

Dass man diese realistische Beurteilungskompetenz nicht so schnell lernt, wie man einen Schalter umlegt, demonstriert Tobias Buck im nächsten Video: LISA hat LARS bei einer Verabredung in der Stadt versehentlich versetzt, aber LARS ist von konstruktivem Denken weit entfernt und vermutet: „Ich bin ihr nicht gut genug.“

Den Lernpartnern wird beim Anschauen ein wenig mulmig zumute, denn erst vor wenigen Tagen gab es in der Lerngruppe einige Konflikte über die Frage, wer sich in der großen Pause mit wem auf dem Schulhof trifft. Tobias Buck nimmt den Faden auf: „Wie könnte sich LARS nun verhalten, wenn er möchte, dass sich LISA nochmals mit ihm verabredet?“

Und schon steckt die Lerngruppe mitten in der Diskussion um die Frage, wie Gefühle unser Handeln beeinflussen. Was man für die eigene Impulskontrolle tun kann und wie das mit Selbstkenntnis und Frustrationstoleranz zusammenhängt. Schlagworte, die im schulischen Bildungs- und Erziehungscurriculum überall begegnen.

„Schulen kommt in der Vermittlung dieser Kompetenzen eine Schlüsselrolle zu“, erklärt Annemarie Ziegler. „Schüler verbringen immer mehr Zeit in der Institution, die Ansprüche des Bildungsplanes erfordern komplexe Handlungen und Entwicklungsaufgaben fallen vermehrt der Schule statt dem Elternhaus zu. Die Erlangung dieser Fähigkeiten ist grundlegend für den Bildungs- und Lebenserfolg eines jungen Menschen.“

Die persönlichen Anforderungen, die heute an einen Schüler gestellt werden, seine schulische Laufbahn erfolgreich zu absolvieren, sind inzwischen fast so hoch wie die in der „Erwachsenenwelt“ – Berufe wie Jobs verlangen ein Höchstmaß an sozialer Kompetenz.

Da liegt die Messlatte für den „Output“, das Ergebnis, von LARS und LISA, ziemlich hoch – kann das Trainingsprogramm diesen Anspruch erfüllen?

Nach der ersten Durchführung von LARS und LISA fällt die Bilanz durchweg positiv aus: die Lernpartner lassen sich auf die Thematik des Programms ein, steigern die Qualität ihrer Zusammenarbeit und reflektieren ihre Erfahrungen in sachlicher Sprache.

Wie sieht das die Lerngruppenbegleiterin?

„Für mich war es ein Glücksfall, den Großteil des Projektes beobachten zu können und während der 90-minütigen Trainingsphasen die positiven Auswirkungen an den Schülern wahrzunehmen“, resümiert Annemarie Ziegler.

 „Alle haben davon profitiert. Das zeigt sich im Klassenrat in einer veränderten Haltung bei den konfliktreicheren Themen und auch, wenn die Lernpartner ihr Anliegen angemessen formulieren sollen. Insgesamt hat LARS und LISA die Beziehung der Lernpartner untereinander verbessert.“

Ein Highlight dieser wohltuenden Entwicklung stellte das bekannte Teamentwicklungsspiel „Tower of Power“ dar, das Tobias Buck in der Abschluss-Stunde des ersten Teils von LARS und LISA durchführte. Ziel des Spieles ist es, Holzklötze aufeinanderzutürmen, ohne dabei Hände und Füße zu benutzen. Nur eine Fangvorrichtung für den Klotz wird von mehreren gespannten Seilen in den Händen der einzelnen Teammitglieder gesteuert. Die kniffelige Aufgabe kann nur gelingen, wenn alle zusammenarbeiten – was die 6.1 hervorragend geschafft hat.

Empowering People: Die 6.1 managed den Tower of Power

„Das Programm LARS und LISA war ein Riesenerfolg“, bekräftigt Tobias Buck. „Ich würde mir wünschen, dass es zukünftig verpflichtend in der Sekundarstufe I implementiert wird.“

Und wie sehen die Mädels und Jungs aus der 6.1 das?

„Das hat voll Spaß gemacht“, sagt David Hotz, „und beim Tower of Power musste man sich richtig konzentrieren, damit der Klotz auf den anderen gestellt werden konnte.“

„Ich war beeindruckt, wie gut unsere Lerngruppe zusammengearbeit hat. Man konnte sich aufeinander verlassen“, lobt Jennifer Sieber den neu erstarkten Teamgeist.

Begeistert zeigt sich auch Lerngruppensprecher Diego Rogdrigues: „Ich freu mich schon auf den nächsten Teil!“

Nach einer Pause von einigen Wochen wird es im zweiten Teil des Trainingsprogramms für die Schüler um selbstsicheres Verhalten, angemessene Körpersprache und das Aufbauen tragfähiger Kontakte zu den Mitmenschen gehen.

Tobias Buck und Annemarie Ziegler freuen sich ebenfalls – auf die Evaluationsphase nach dem zweiten Teil und auf die Fortsetzung dieses Presseberichtes.

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