12. Juli 2024

Bewegtes Lernen

Bericht in Zusammenarbeit mit Dorothea Asal und Elena Narr.

Schon vor Jahren hat das Schulzentrum Stetten als zertifizierte GSB/WSB-Schule sein Konzept der Schule mit bewegungserzieherischem Schwerpunkt in allen Bereichen des Grund- und Gemeinschaftsschullebens fest implementiert. Die besondere Rhythmisierung des Ganztages trägt dazu genauso bei wie verpflichtende Bewegungsangebote, die von den Lehrpersonen in die Arbeit mit den Stoffplänen eingebunden werden. Beispielsweise dürfen Lernpartner*innen in den Zeiten individuellen Lernens auf Teppichmatten auf dem Bauch lesen oder die Füße ausstrecken. Zum Auswendiglernen dürfen sie einen so genannten „Mönchsgang“ unternehmen, bei dem sie durch die Flure wandern können und sich den Lerninhalt mehrmals vorsagen, bis er im Kopf ist. Ebenso können die Lernpartner*innen im Kaltgang arbeiten und zwischen einzelnen Lernsequenzen eigenständig eine Pause einlegen, in der sie mit Handstand, Rad oder Dehnübungen Verspannungen in der Muskulatur lockern.

Dass Bewegung beim Lernen dabei hilft, sich besser zu erinnern oder Inhalte durch visuelle wie haptische Anker zuverlässiger abrufen zu können, ist durch vielfältige Studien gut belegt. Bewegung schafft einen Ausgleich zu tendenziell überwiegendem Sitzen im Fachunterricht und kommt dem körperlichen Betätigungsdrang von Kindern und Jugendlichen entgegen, denen in einem durchschnittlichen Schulalltag oft ein Ventil zum Stressabbau fehlt.

Seit diesem Schuljahr gibt es im inklusiven Setting der Grundschule neue Materialien für „bewegtes Lernen“, die sich steigender Beliebtheit erfreuen. Besonders begehrt ist die Hängematte, in der nicht nur das Gleichgewicht geschult wird und Rücken- und Nackenmuskulatur gestärkt werden, sondern auch kognitive Aufgaben mit Spaß und besonderer Motivation erledigt werden. Auf dem Titelbild demonstriert Samuel aus Klasse 1/2 a, wie man mit Freude und Bewegung eine Rechenaufgabe in der Hängematte macht. Durch die Einpunktaufhängung mit individueller Höheneinstellung kann diese in der Bauch- und Rückenlage therapeutisch genutzt werden.


Auf obigem Foto zeigt Samuel das Arbeiten am elektrisch stufenlos einstellbare Arbeitstisch auf einem Balanceboard stehend, das unterschiedliche Schwierigkeitsgrade für das Gleichgewicht bietet. Dadurch wird aktives Stehen und der Gleichgewichtssinn mit feinmotorischen Anforderungen und kognitiv aktivierenden Schulaufgaben kombiniert. Dies kommt hyperaktiven und hypotonen (muskelschwachen) Kindern durch das ständige Ausbalancierenmüssen ihrer beanspruchten Muskulatur sehr entgegen.

Psychomotorische Förderung: Springseil, Beschwerungssack, Akupressurringe, Ball- und Igelkissen sowie Fußmassagegeräte aktivieren die Vernetzung der Gehirnhälften und fördern die Behaltensleistung von Lerninhalten.

Die neuen Materialien werden vor allem im sonderpädagogischen und therapeutischen Kontext genutzt, aber auch andere Grundschulklassen profitieren davon: das Dynair Ballkissen Senso fordert eine aktive Aufrichtung im Sitzen mit tiefensensiblen Reizen. Fußmassagegeräte aus Holz und halbe Igelbälle, die von Kinderfüßen in Socken benutzt werden, bewirken eine bessere Durchblutung und leichteres Konzentrieren auf schriftliche Aufgaben. Akupressurringe, die von der Fingerbeuge zur Fingerspitze abgerollt werden, helfen zu entspannen und Stress zu vermindern – eine förderlichere Regulationsstrategie als Nägelkauen oder Pulliziehen.

Ergotherapeutin Elena Narr, die in diesem Jahr am Schulzentrum Stetten Kinder mit dem Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung begleitet, ist von der Wirkung des bewegten Lernens überzeugt: „Die quasi nebenher laufende Betätigung mit den Materialien kann psychische oder physische Anspannung ableiten und es Kindern ermöglichen, im Sitzkreis oder auch an ihrem Arbeitsplatz ruhiger zu werden und besser zuhören.“

Auch Sonderpädagogin Dorothea Asal empfiehlt den Gebrauch der Lerntools nicht nur für Förderschüler: „Einen Einsatz des bewegten Lernens kann ich mir sehr gut in Lernstufe 5 oder 6 vorstellen,“ resümiert sie ihre Erfahrungen mit sonderpädagogischen Lernpartner*innen in Sekundarstufe I. „Hier begegnen uns recht häufig teils altersbedingte Konzentrationsschwächen oder Schwierigkeiten bei der psychisch-emotionalen Umstellung des Kindes von der Grundschulzeit in das Lernsystem der GMS. Die Materialien können dem Kind und damit auch dem Lehrer im Unterricht helfen, eine lernförderliche Atmosphäre aufrecht zu erhalten.“

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